Impulse & Inspirationen

Ein Blog von Kirstin Kluckert

Tashi Delek! Teil 2 - Lebendiger Buddhismus in Tibet
Themen: Spiritualität
13. Juni 2016

Tashi Delek! Teil 2 - Lebendiger Buddhismus in Tibet

Buddhismus in Tibet ist überall sichtbar

Fast jeder Tibeter trägt im Alltag eine Mala, um Mantras anzusammeln und ältere Einheimische kann man oft mit einer Gebetsmühle sehen. Es ist ganz normal Mantras zu murmeln, wo auch immer man geht und steht. Die ganze Stadt, ja das ganze Land ist voller kleiner und großer Gebetsräder, die von Hand, vom Wind oder der Sonne gedreht werden. Jede Straße und jedes Haus ist voller buddhistischer Schutz- und Glückssymbole und die Häuser sind nach buddhistischen Traditionen so gebaut, daß sie Gutes einladen und vor Negativem schützen. Es gibt jede Menge Klöster und Tempel, Mönche und Nonnen und es riecht nach dem dem glühenden Weihrauch, der in großen Öfen vor den Tempeln zur Reinigung und als Opfer verbrannt wird.
Es gibt keinen Tag, an dem ein tibetischer Mensch seine Spiritualität, seine göttlichen Wesenheiten oder Buddha vergisst.

Gebetsfähnchen oder Lung Ta

Stofffähnchen in fünf Farben werden an einer Kordel angebracht und an Tempeln, heiligen Bergen, Dächern, Bäumen oder Fahnenstangen angebracht. Der Wind trägt den Segen der Mantras und Gebete zu allen anderen Lung Tas und so werden sie  Teil des Universums. Die Farben stehen stellvertretend für die fünf Elemente oder Buddha- familien. Blau für den Himmel und den Raum, Weiß für Luft und Wind, Rot für Feuer, Grün für Wasser, Gelb für die Erde. Auf den Fähnchen stehen Mantras, zum Beispiel von Padmasambhava oder Avalokiteshvara und Gebete für langes Leben. In der Mitte der Flaggen ist oft ein Windpferd, ein Lung Ta zu sehen oder das Symbol der drei Juwelen, das für Buddha, Dharma und Sangha steht. Zu tibetischem Neujahr werden die Lung Tas gesegnet und an besonderen Tagen aufgehangen. In Erinnerung an die Veränderungen in der Natur und die Vergänglichkeit des Lebens lässt man die alten oft ausgeblichenen Fähnchen hängen und hängt neue darüber.

Gebetsräder oder  Mani Khorlo

Gebetsräder gibt es in allen Formen und Größen. Es sind Zylinder aus Metall auf denen Mantras aufgeprägt sind. Es gibt sie in unterschiedlichsten Größen. Am häufigsten findet sich das Mantra "Om Mani Padme Hum". Die Zylinder sind auf einen Schaft aus Holz oder Metall angebracht, so daß sie sich drehen können. Es gibt kleine Manis, die man mit einer Hand drehen oder sogar mit sich tragen kann oder Manis, die befestigt sind und im Laufen angedreht werden. Besonders große Gebetsräder, die nur von mehreren Personen gleichzeitig gedreht werden kann man in Tempelnischen finden. Ein Gebetsrad zu drehen oder auch nur zu berühren bringt großen Segen und dient der Reinigung, besonders von negativem Karma. So läuft man meditativ langsam und rezitierend an den Rädern entlang und dreht sie im Uhrzeigersinn an. Oft ist dies ein Teil von Pilgergängen oder der täglichen Praxis. Ältere Tibeter tragen ihr Mani gerne in der Hand, wo auch immer sie gehen. Und in vielen Fenstern kann man kleine solarbetriebene Räder sehen, die sich ganz von selbst drehen und Segen verbreiten.

Buddhas und Mantras

Überall in Tibet finden sich Bilder von Buddhas, Mantra-Schriftzüge oder auch buddhistische Symbole. Die Hauswände in der Stadt sind häufig verziert mit hübschen Buddhagemälden und natürlich dem Mantra "Om Mani Padme Hum". Diese Bilder werden gänzlich mit Naturfarben gemalt und sehr liebevoll gestaltet.

Fährt man die weiten Straßen in Tibet entlang sieht man solche Buddha-Bilder auch manchmal ganz unvermutet an Felsen. Um Tempel herum kann kann man sie bisweilen an erstaunlich unzugänglichen Stellen sehen. In der Stadt dienen sie als Glücks- oder Schutzsymbol, an den Felsen markieren sie oft besondere heilige Orte, zum Beispiel Höhlen die als Ensiedelei dienten oder die eine besondere mythische Geschichte haben. Viele Orte, Berge, Landschaften gelten als heilig, wenn sich zum Beispiel ein Gesicht Buddhas oder ein anderes Symbol in der Felsformation findet . Der Ort wird dann hervorgehoben durch Malerei. Manchmal sind Leitern am Fuße dieser Felsen aufgemalt, die symbolisieren, daß dort ein Ort ist, der geradewegs zum Himmel führt. Man kann die Tibeter dort sehen, wie sie mit Gebetsrädern diese Orte umrunden.

Die Zimmer in tibetischen Häusern sind mit viele Symbolen und Schutzwesenheiten bemalt. Von außen sehen die Häuser oft eher karg aus, vor allem auf dem Land. Doch auch dort sind die Wohnräume meist sehr schön verziert und ausgestattet. Im Erdgeschoß wohnen immer die Tiere der Familie, im ersten Stock befinden sich die Küche und gemeinsame Räume und im oberen Stock sind Schlafzimmer sowie ein Altarraum. Jede Familie legt großen Wert auf die schön geschmückten Altarräume und Buddhastatuen. Die persönliche tägliche Praxis ist für Tibeter unverzichtbar.

Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft

Ein einheimischer Reiseleiter aus Lhasa erklärte mir, daß Buddhismus nicht nur mit Mantras, Pilgern und Tempeln zu tun hat. Es hat viel mehr damit zu tun,  ein guter Mensch zu sein und allen Lebewesen zu helfen. Buddhismus lehrt, daß niemand alleine leben kann und alle voneinander abhängig sind. Nur wenn Du verstanden hast, wie man ein freundlicher, hilfsbereiter Mensch bist und Dich darum bemühst, kannst Du ein guter Buddhist sein.
Nur wenn Du besser werden willst, um allen zu helfen, bist Du auf dem richtigen Weg. Individualität ist dort nicht so wichtig. Ohne dieses Verständnis kann auch alle spirituelle Praxis nicht wirklich helfen.

Die Spiritualität ist hier ganz alltäglich und offen in jedes Leben eingebettet. Sie gehört einfach dazu und wird von den Großeltern an die Kinder weitergegeben. Das ist deutlich zu spüren. Der Buddhismus versteht sich als offen für Interessierte. Man kann sehr leicht in die Tempel gehen, die Mönche sind freundlich und offen. Mein Einblick in die tibetische Spiritualität hat mich sehr bewegt. Die Durchdringung von Alltäglichkeit und Heiligkeit, von Altem und Neuen und die große Flexibilität der Tibeter berührt mich noch immer. Die innere Überzeugung, daß unsere Absichten wichtiger sind, als die Art von Praxis, die wir üben vereint uns -ob im Himalaya oder in Deutschland.

Egal, wann wir Wesak feiern und egal, wo wir an Buddha denken, wünschen wir uns doch das Gleiche.
Frieden auf der Welt und freundliche und hilfsbereite Menschen mit denen wir unseren Weg gehen können.
Viel Freude beim Wesak 2016!

(erschienen in Prana-News 2/2016)