Impulse & Inspirationen

Ein Blog von Kirstin Kluckert

Cambodias heilige Tempelstadt
Themen: Spiritualität
24. August 2018

Cambodias heilige Tempelstadt

- das Weltwunder Angkor Wat . Die uns allen bekannte Silhouette des Tempels mit drei kegelförmig auslaufenden Türmchen steht für die Khmerkultur. Angkor Wat ist ein Mandala der südostasiatischen Spiritualität und erstaunte zu allen Zeiten ihre Besucher. Der größte Tempelturm in der Mitte steht für den Berg Meru. Dies ist der Weltenberg und das Zentrum des Universums. Die ganze Anlage stellt die universelle Ordnung dar und ist umgrenzt durch einen breiten Wassergraben. Es war die größte Tempelstadt ihrer Zeit, beherbergte die höchste Anzahl an Bewohner und Tempeln und war in Architektur und Wassernutzung bemerkenswert.

Im 10ten Jahrhundert begann der Herrscher Suryavarman II mit dem Bau Angkor Wats, doch es benötigte tatsächlich 9 Herrscher um das Projekt in den späteren Zustand zu versetzen. Fertig wurde es nie. Ein paar Jahrhunderte spielte sich im Areal Angkor ein wahrer Wettbewerb des Tempelbaus ab und eine unglaubliche spirituelle Stadt entstand. Dann wurde sie verlassen und vergessen, für tausend Jahre. Es ist uns unbekannt, warum dies geschah.

Götter und Dämonen

Der Berg Meru ist uns auch aus anderen Kulturen bekannt. Die Tibeter betrachten den Kailash im Himalaya als den heiligen Berg Meru, geformt aus Edelsteinen. Doch der Mittelpunkt des Universums als Sitz der Götter findet sich in allen Mythen Asiens.
Götter und Dämonen schlungen Vasuki, den König der Schlangen um den heiligen Berg, und das "Wirbeln des Milchozeans" begann. Es währte ewig lang und brachte Amrita, den Nektar des langen Lebens hervor. Noch heute ziehen Götter und Dämonen vor dem Hauptthor des Tempels Angkor Thom am Schlangenkönig. Sie stehen rechts und links als Brückenpfeiler des Weges über einen von Mangroven gesäumten Wasserkanal. Dieser große Mythos ist altes hinduistisches Kulturgut, doch die Vorstellung des Berges Meru ist nicht nur in der hinduistischen, sondern auch in jainistischen, buddhistischen und Böntradition Zentrum der Kosmogonie.

Monsunartige Sturzbäche

Die Hitze in den Tempeln macht das Atmen schwer, es ist Sommer kurz vor der Monsunzeit. Die Füße tragen uns dennoch beschwingt durch die langen Aneinanderreihungen kleiner quadratischer Räume, mal feucht und bemoost, mal hell und trocken. Jeder Blick in diese heilige Welt, jeder Winkel scheint so einmalig. Geht man nur einen Schritt weiter, sieht man schon ein vollkommen anderes Bild. Jeder Schritt führt tiefer in diese geheime magische Welt, zurück in die Zeit und hin zu vergessenen Festen für Götter und Menschen. Hier erinnert sich die Seele an vergessene Liebschaften und zartes Lachen hängt in der Luft.

Oft führt der Schritt um einen Shiva Lingam oder einen Buddha herum. Manches Mal sind sie vollständig erhalten und tragen stolz neue goldene Gewänder. Es ist so heiß, daß alles verstummt, jeder Schritt gedämpft ist. Die Sonne zwingt den Besucher zum Frieden. Dann plötzlich ein Regenschauer, unvermittelt und schwer. Monsunartige Sturzbäche und in Augenblicken sind die Tempel leergefegt. Tatsächlich aber versteckt man sich in den Innenräumen, heute genauso wie zu alten Zeiten. Wände aus Wasser bilden dichte Vorhänge vor den Türöffnungen. Die Erde dampft um die Tempel herum und es liegt feiner Nebel über allem, der die Szenerie so mystisch macht. Kein Regenschirm kann diese Schauer aufhalten und nur wenige Pilger beenden ihre Tour durchnässt bis auf die Haut. Der Monsun ist eine starke Kraft hier.
Es ist verwunschene, versteckte Heiligkeit in tausend kleinen zusammengefallenen Tempelräumchen, die Hinduismus, Buddhismus und Schamanismus mit leichter Hand vereinte. Synkretistisches Zeugnis.

Kraft für die heilige Stadt

Vishnu ist den Hinduisten der älteste und höchste Gott, der Erhalter und Bewahrer der Welt. Die einstmals weltgrößte Tempelstadt, die bis zu einer Million Einwohnern beherbergte, sollte in der Tat bewahrt werden. Suryavarman II errichtete ein Heiligtum für Vishnu, ein Prasat, ein Tempeltürmchen auf Lotusblättern. Er steht noch immer dort und strahlt unter einem leuchtend gelben Parasol, von dort oben das Göttliche mit dem Weltlichen vereinigend.
Aus Sandstein geschnitzte Reliefs an den Wänden der Galerien berichten von Gut und Böse, von Prinzessinen, Meerjungfrauen und Dämonen. 18 Parasols für den König, die Kraft der Sonne für die heilige Stadt. Des Nachts im Geheimen vermählten sich die Könige mit den Spirits, magische Spiritualität um das Zauberwerk zu beschützen. Angkor Wat war Tempel, Festsaal und Begräbnisstätte zugleich – nie hat es zuvor eine solche Zusammenlegung gegeben, heißt es. Der Tod wurde nicht gefürchtet sondern begrüßt.

Bevölkert von Himmelstänzerinnen

Man möchte verweilen in diesen feinen Hallen, bevölkert von Apsaras, himmlischen Tänzerinnen und Devatas, wunderschönen Göttinnen. Ihre Gesichter schauen uns lächelnd aus jeder Nische heraus und von jeder Säule herab an. In Gruppen und einzeln stehen sie anmutig beisammen und wiegen sich im Takt vergessener Khmer-Melodien, die bis in die letzten Winkel der Ruine auf und ab hüpfen. Feigen und Baumwurzeln umschlingen die Ruinen, Gräser wuchern zwischen den Steinen. Hier verstecken sich alte Nonnen, die Segen geben, ebenso wie Nymphen und Baumgeister. Wir wissen nicht, warum die Tempel so schnell verlassen wurden. Doch wir wissen, wer sie heute bewohnt. Der Dschungel hat die Tempelstadt durchdrungen, als der Mensch sie vergaß. Die Spirits der Erde, der Luft, des Feuers und Wassers wohnen heute hier. Belebte, heilige Ruinen.

Leben und Tod, spirituelle Strömungen und Kriege wurden hier zu einem märchenhaften Bild, ein Mandala, in dem Mensch und Natur vereint sind. Alle Hochkulturen strebten nach dem Höchsten. So malt man in Tibet Himmelsleitern an heilige Berge und in Cambodia baute man Tempeltreppen, zu schmal für jeden Fuß. Man kann sie nur demütig auf Händen und Füßen erklimmen.

Zu allen Zeiten suchen die Menschen heilige Plätze. Einige haben sie selbst erschaffen, so wie Angkor und andere finden sie in ihrer natürlichen Umgebung vor. Eines ist ihnen allen gemein: Sie weisen den Weg ins Himmelreich.